Die Wahl eines Berufes gehört zu den ersten wirklich grossen Entscheidungen im Leben. Von jungen Menschen wird erwartet, dass sie sich für einen Weg entscheiden, in dem vieles noch offen ist. Was kann ich gut? Was macht mir Freude? Möchte ich mit Menschen arbeiten, etwas mit den Händen schaffen, organisieren, planen oder mich mit Technik beschäftigen?
Solche Fragen lassen sich nicht allein mit Broschüren, Internetseiten oder Berufsbeschreibungen beantworten. Einen Beruf muss man erleben. Genau hier liegt für mich die Stärke von Fiutscher. Während fünf Tagen wird die neue Eventhalle AREON zu einem riesigen Schaufenster der Berufsbildung. Jugendliche können ausprobieren, nachfragen, vergleichen und mit Lernenden sowie erfahrenen Berufsleuten ins Gespräch kommen. Und vielleicht entdecken sie dabei einen Beruf, an den sie vorher nicht gedacht haben. Dieses Entdecken wird an der diesjährigen Fiutscher noch stärker ins Zentrum gerückt. Der neue Entdeckungsparcours lädt die Besucherinnen und Besucher dazu ein, sich aktiv mit unterschiedlichen Berufen auseinanderzusetzen. Nicht einfach vorbeigehen und anschauen, sondern stehen bleiben, ausprobieren und Neues kennenlernen. Ich finde diesen Ansatz richtig. Denn manchmal braucht es nur ein Erlebnis, eine Begegnung oder eine praktische Aufgabe, damit plötzlich Interesse für einen Beruf entsteht.
Fiutscher ist aber längst mehr als eine Ausstellung für Jugendliche vor der ersten Berufswahl. Ebenso wichtig ist der Blick auf die Weiterbildung. Unser Berufsbildungssystem bietet Möglichkeiten, um die uns viele andere Länder beneiden. Eine Lehre ist kein Abschluss der Bildung, sondern sehr oft erst deren Anfang. Berufsprüfungen, höhere Fachprüfungen, höhere Fachschulen oder Fachhochschulen eröffnen zahlreiche Wege. Wer will und bereit ist, sich weiterzuentwickeln, dem stehen praktisch alle Türen offen. Das müssen wir noch stärker vermitteln. Zu oft hält sich die Vorstellung, dass eine gymnasiale Ausbildung automatisch mehr Möglichkeiten eröffnet als eine Berufslehre. Unsere Wirtschaft beweist jeden Tag das Gegenteil. Zahlreiche Unternehmerinnen und Unternehmer, Geschäftsleitende und hoch qualifizierte Fachkräfte haben ihre Laufbahn mit einer Lehre begonnen. Sie haben Berufserfahrung gesammelt, sich weitergebildet, Verantwortung übernommen und ihren eigenen Weg gemacht.
Gerade angesichts des Fachkräftemangels ist dieses System für unsere Wirtschaft von unschätzbarem Wert. Wir brauchen gut ausgebildete Berufsleute. Dafür braucht es aber Unternehmen, die bereit sind, jungen Menschen eine Chance zu geben und Lernende auszubilden. Ausbildung kostet Zeit und verlangt Engagement. Aber wer ausbildet, investiert nicht nur in einen jungen Menschen, sondern auch in die Zukunft des eigenen Unternehmens und unseres Wirtschaftsstandortes. Deshalb richtet sich mein Appell auch an unsere Bündner Betriebe: Bilden Sie weiterhin aus. Geben Sie Jugendlichen die Möglichkeit, Berufe kennenzulernen und bei Ihnen zu schnuppern. Und unterstützen Sie Ihre Mitarbeitenden auch nach der Lehre bei ihrer Weiterbildung. Gute Berufsbildung endet nicht mit dem Qualifikationsverfahren.
Fiutscher zeigt auf eindrückliche Weise, was unsere Berufsbildung zu bieten hat. Ich wünsche mir deshalb, dass möglichst viele Jugendliche die Gelegenheit nutzen, neugierig durch die Ausstellung zu gehen. Eltern sollen sie dabei begleiten, ihnen zuhören und sie ermutigen, ihren eigenen Weg zu finden. Denn am Ende geht es nicht darum, irgendeinen Beruf zu wählen. Es geht darum, den Beruf zu entdecken, der zu einem passt. Und dafür gibt es kaum einen besseren Ort als Fiutscher.
Viktor Scharegg
Präsident Bündner Gewerbeverband