Wenn André Walder von seinen Anfängen als Fachlehrer erzählt, muss er nicht lange überlegen. Noch heute weiss er, wie es sich anfühlte, zum ersten Mal vor einer Klasse mit rund 20 Lernenden zu stehen. «Eine gewisse Nervosität ist da ganz normal.» Doch bald merkte er, dass seine eigentliche Aufgabe nicht darin bestand, einfach möglichst viel Fachwissen zu vermitteln. Er wollte junge Menschen für ihren Beruf begeistern. Rund 35 Jahre später tut er genau das noch immer. Nur das Klassenzimmer sieht heute anders aus. Wandtafel, Hellraumprojektor und Anschauungsmaterial waren damals Standard. Heute gehören Beamer, digitale Bildungsplattformen, Lehrfilme und weitere digitale Werkzeuge selbstverständlich zum Unterricht. Und auch Walder selbst unterrichtet anders. «Wir sind heute weniger reine Wissensvermittler und stärker Lernbegleiter, Coaches und manchmal auch Vertrauenspersonen.»
Sein Herz schlägt besonders für die Waldberufe. Walder hat selbst eine Forstwartlehre absolviert und unterrichtet heute hauptsächlich angehende Forstwarte. Wenn er von ihnen spricht, ist seine Begeisterung spürbar. «Das sind echte Berufsfreaks – im positiven Sinn.» Sie arbeiten bei Regen, Schnee, Minustemperaturen oder sengender Hitze draussen und packen im Team an. Daran habe sich in all den Jahren erstaunlich wenig verändert.
Manchmal braucht es Zeit
Anderes hingegen schon. Viele Jugendliche treten heute selbstbewusster auf, äussern ihre Bedürfnisse klar und bewegen sich selbstverständlich in der digitalen Welt. Gleichzeitig beobachtet Walder bei einem Teil der Lernenden Lücken beim Lesen, Schreiben oder Rechnen. Auch längere Konzentrationsphasen seien teilweise schwieriger geworden. Die Digitalisierung verteufelt er deshalb nicht. Im Gegenteil: Sie eröffne im Unterricht enorme Möglichkeiten. Aber Walder sagt auch: «Digital ist nicht automatisch besser.» Das passende Werkzeug müsse zum Lernziel passen. Überhaupt hält er wenig davon, Bewährtes nur deshalb über Bord zu werfen, weil etwas Neues verfügbar ist. Geblieben ist für ihn auch der hohe Qualitätsanspruch des Handwerks. Präzision, Können, Verantwortung und Berufsstolz lassen sich durch keine Technologie ersetzen. Gerade diesen Berufsstolz würde sich Walder bei jungen Menschen manchmal wieder etwas stärker wünschen. Für ihn ist dabei nicht entscheidend, dass ein Lernender von Anfang an alles kann. Viel wichtiger sei der Wille, sich weiterzuentwickeln, Verantwortung zu übernehmen und auch dann dranzubleiben, wenn etwas nicht auf Anhieb gelingt. Dasselbe gelte für die Lehrbetriebe. Gute Berufsbildung funktioniere nur, wenn jungen Menschen etwas zugetraut werde.
Sorgen bereitet Walder, dass die Berufslehre an Wertschätzung verloren hat. Ein Studium werde häufig als der bessere Weg betrachtet. Dabei seien handwerkliche Berufe längst eine anspruchsvolle Verbindung aus Handwerk, Technik und digitalem Know-how mit hervorragenden Entwicklungsmöglichkeiten. Deshalb seien Veranstaltungen wie die Fiutscher wichtig. Hier könnten Jugendliche einen Beruf anfassen, ausprobieren und mit Menschen sprechen, die ihn ausüben. Danach brauche es eine Schnupperlehre. Denn Begeisterung entsteht nicht auf dem Smartphone, sondern dort, wo Jugendliche selbst erleben, was ein Beruf bedeutet.
Auch Walder selbst hat sich verändert. Als junger Lehrer wollte er möglichst alle zu guten Noten und einem erfolgreichen Abschluss führen. Heute ist er gelassener. Er hat erlebt, wie Lernende, die sich in der Schule schwertaten, später zu hervorragenden Berufsleuten wurden. «Manchmal braucht es Zeit.» Und immer wieder gibt es jene Begegnungen, die ihm zeigen, weshalb er diesen Beruf so lange und gerne ausgeübt hat: Ehemalige Lernende sprechen ihn nach Jahrzehnten an und erzählen, welchen Weg sie eingeschlagen haben. Vielleicht ist es genau diese Erfahrung, die nach 35 Jahren geblieben ist: Nicht jeder junge Mensch geht seinen Weg im gleichen Tempo. Entscheidend ist für Walder der Wille. Und seine eigene Begeisterung? Die ist ungebrochen. Nichtsdestotrotz ist im nächsten Sommer Schluss mit dem Lehrerberuf an der GBC. Auf Walder wartet die wohlverdiente Pension.